Ich singe Jesu dulcis memoria, als die Frage in mir keimt: Wie hat dieses Lied, damals, in der „Wiener Gregorianik des 12. Jahrhunderts“ wohl geklungen? Entstanden ist, aus dem Lateinischen ins Wienerische übertragen, das Lied O Jessas wonn i denk an di.

Erklungen zuerst in der Pfarrkirche …

 

… am 2. NOV 2025, und …

… dann im Bockkeller

 

… am 3. NOV 2025. Ob im Bockkeller schon jemals ein Gesang aus dem Antiphonale Romanum (1912) angestimmt worden ist?

Zur Geschichte dieses Liedes

Das Gotteslob Nr. 368 (2013) datiert den lateinischen Text ins 12. Jahrhundert, nach Oxford, welchen Friedrich Dörr dann im 20. Jahrhundert ins Deutsche übertragen hat. Die Melodie stammt aus dem o. g. Antiphonale.

Wiener Gregorianik

Ich habe mich bei meiner Komposition und Interpretation an der Melodie und am lateinischen Text orientiert. In den obigen Aufnahmen ist die vierte Strophe durch das Pfeifen ersetzt.

O, Jessas, wonn i denk on di,
wiad leicht mei Gmiad, da gschbia i mi,
jo, siassa ois Honich, [1] ka scheenare Freid,
wonnsd bist bei mir auf Lebmsdseit.
Jesu dulcis memoria,
dans vera cordis gaudia:
sed super mel et omnia,
eius dulcis praesentia. [2]
Nigs Leiwanda dsum Singan is, [3]
dsum Hearn [4] nigs Scheen’res, des is gwiss,
wonn du folla Freid eam wia ogflaschld [5] gneisd,
di üban Buam fom Heagod gfreist.
Nil canitur suavius,
nil auditur iucundius,
nil cogitatur dulcius,
quam Jesus Dei filius.
Du Auftrieb [6] fia an jedn Knecht,
und treu bleibst, wonn i mit dia fecht. [7]
Mei gütiga Heagod, es suachd di a Kind!
Wos schbüd si o, wonn i di findt?
Jesu spes paenitentibus,
quam pius es petentibus,
quam bonus te quaerentibus!
Sed quid invenientibus?
Glei goa nigs mog i redn meah
und aa kan Bugschdobm gib i hea.
Ois gschdandana [8] Mensch konnsd dei Lebm aklean,
an Jesus gean hobm, dem ma ghean.
Nec lingua valet dicere,
nec littera exprimere:
Expertus [9] potest credere,
quid sit Jesum diligere.
Sei, Jesus, uns a Bodsnfreid,
a Dsukunft, [10] a Geschenk fia dLeit:
Ja, unsare Eah in dia ollaweu bleibt,
auf jedsd Joahundat, olle Dseit.
So passd’s [11] fia heit und dEwichkeit.
Sis Jesu nostrum gaudium,
qui es futurus praemium:
Sit nostra in te gloria,
per cuncta semper saecula.
Amen.

 

Viel Vergnügen!

 

XAIPE, Stefan Vetter.
2025-12-21.

 

Anmerkungen
[1] Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben (Ps 19,11).
[2] Die Anwesenheit Gottes ist durch seinen und mit und in seinem Namen ausgedrückt (Ex 3,14).
[3] Mein Herz ist bereit, o Gott, / mein Herz ist bereit, / ich will dir singen und spielen (Ps 57,8).
[4] Höre, Israel! Shema, Israel!
[5] Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken (Apg 2,13).
[6] Hoffnung: Auftrieb geben.
[7] fechten: bettlen.
[8] erfahren: gschondn.
[9] expertus, lat.: erfahren.
[10] Zukunft: Der Zukünftige, der Bräutigam.
[11] Amen: So sei es.
(12) Maria Hornung, Sigmar Grüner, Wörterbuch der Wiener Mundart, 22002, ÖBV und HPT.

Composition, recording, Zeichnung, Foto
(c) 2025 Stefan Vetter.
Die Aufnahme im Bockkeller ist mit freundlicher Erlaubnis zur Verfügung gestellt worden.

Über den Autor
Stefan Vetter komponiert und musiziert seit seinen Jugendjahren. Erst mit dem Jahr 2021 hat er begonnen, seine Lieder systematisch zu sortieren und so einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

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